Winterthurer Zeitung, Glaubenssache, Babel oder Jerusalem?
Babel oder Jerusalem?
Unsere Zeit glaubt an die Technik. Was sich messen, beschleunigen und optimieren lässt, gilt als gut und erstrebenswert. Effizienz und Wirtschaftlichkeit sind zu modernen Glaubensartikeln geworden. Doch dieser Glaube beantwortet nur die Frage, wie etwas geschieht – nicht, wozu. Der christliche Humanismus lehnt Wissenschaft und Technik nicht ab, sondern nimmt sie dankbar auf. Nur betrachtet er sie nüchtern, ja emotionslos im Hinblick auf die höheren Ziele (Leo XIV Magnifica Humanitas 129).
Augustinus hat dafür einen Begriff geprägt: den ordo amoris, die Ordnung der Liebe oder die «richtige Hierarchie des Liebens». Der Mensch verfehlt sich nicht, weil er zu wenig leistet, sondern weil er das Zweitrangige an die erste Stelle setzt. Wer die Effizienz mehr liebt als die Menschen, denen sie dienen soll, hat die Ordnung verkehrt. Hier setzt der Glaube an.
Die Bibel erzählt diese Verkehrung in zwei gegensätzlichen Baugeschichten. In Babel (1. Mose/Genesis 11) errichten Menschen einen Turm: «Wir wollen uns einen Namen machen, damit wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen.». Es ist das Projekt der Selbstüberhöhung: Technik als Denkmal ihrer Erbauer. Es endet bekanntlich in Sprachverwirrung und Zerstreuung – die Gemeinschaft zerbricht am eigenen Ehrgeiz.
Ganz anders Nehemia. Auch er baut, durchaus effizient: In 52 Tagen stehen die Mauern des von den Babyloniern 586 v. Chr. zerstörten Jerusalems wieder. Die Bewohner selbst erneuerten die Abschnitte in ihrem Bezirk. Die Mauer macht niemandem einen Namen; sie schützt die Stadt. Sie dient einer Gemeinschaft, die in diesem Projekt über den Einzelnen hinausweist.
Der Unterschied liegt nicht in der Technik an sich – gebaut wird hier wie dort mit den damals üblichen Instrumenten. Er liegt in der Ordnung der Liebe: Babel baut für den eigenen Ruhm, Jerusalem für den Nächsten und für Gott. Das ist keine Absage an Effizienz und Fortschritt, wohl aber an ihren Absolutheitsanspruch. Technik ist ein gutes Werkzeug, aber ein schlechter «Gott».
Vielleicht ist das die Aufgabe des Glaubens in einer technikgläubigen Zeit: nicht neue Errungenschaften (wie die künstliche Intelligenz) zu verhindern, sondern zu fragen, wem sie dienen. Wo Menschen füreinander bauen, entsteht mehr als ein Bauwerk – es entsteht Gemeinschaft. Und die lässt sich nicht optimieren, nur leben.
Dr. Markus Winkler, Präsident der Katholischen Kirchenpflege