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Kolumne Glaubenssache - "Ist der Mensch ein religiöses Wesen?"

Beat Wyss - Kirchenpflege
Datum
02.07.2026

Ist der Mensch ein religiöses Wesen?

Ein dänischer Weltreisender sagte einmal: „Am meisten ist mir aufgefallen, wie religiös die Menschen auf der südlichen Halbkugel sind“. Hängt Religiosität etwa davon ab, wo man lebt? Wohl kaum, schliesslich leben rund 90 Prozent der Weltbevölkerung auf der nördlichen Halbkugel und da befinden sich auch die grössten Religionsgemeinschaften.

Für mich stellt sich zunächst die Frage, was «religiös» überhaupt bedeutet. Google liefert als Antwort: „Gott oder den Kräften oder Mächten, die das Leben beherrschen, ergeben“. Wenn ich auf die Menschheitsgeschichte blicke, fällt mir auf, dass nahezu alle Kulturen religiöse Vorstellungen kannten. Der Glaube an etwas Grösseres ist tief im Menschen verankert.

Gleichzeitig zeigt die Geschichte, dass religiöse Überzeugungen immer wieder zu Konflikten geführt haben. In der neueren Zeit haben sich jedoch neben religiösen auch weltlichen Idealen, wie Karriere, Wohlstand oder persönliche Selbstverwirklichung als Glaubenssysteme etabliert. Seit der Coronapandemie nehme ich zudem wahr, dass unterschiedlichste Überzeugungen und Weltbilder stark an Bedeutung gewonnen haben. Wo Religionen Werte wie Nächstenliebe, Vergebung und die Unterstützung Bedürftiger pflegen, sind Verschwörungstheorien hingegen eher von Misstrauen und Abgrenzung geprägt.

In Europa geniessen wir Glaubens- und Religionsfreiheit, doch Zahl der Menschen ohne Religionszugehörigkeit wächst kontinuierlich. Für mich bedeutet das jedoch nicht, dass der Mensch weniger glaubt. Vielmehr scheint sich die Suche nach Orientierung und Sinn auf viele unterschiedliche Überzeugungen verteilt zu haben. Das Internet macht es möglich jede Art von „Wahrheit“ sofort an Millionen zu verkünden. Und jede findet ihr Publikum, weil der Mensch scheinbar das Bedürfnis hat, daran zu glauben, dass etwas Mächtiges sein Leben bestimmt.

Manchmal frage ich mich, ob dadurch etwas verloren gegangen ist, was viele Religionen im Kern vermitteln: den respektvollen Umgang miteinander, mit der Natur, sowie die Bereitschaft, sich in einer Gemeinschaft zum Wohl aller einzusetzen. Im Moment kommt es mir vor, wie beim Turmbau zu Babel, wo die Menschen immer mehr Sprachen sprechen und sich deswegen immer weniger verstehen. Aber sind die Probleme der Menschheit so zu lösen? Ohne Dialog? Ohne Überzeugung und den Glauben, dass wir nur als Gemeinschaft eine Zukunft haben?

Beat Wyss, Mitglied der Kirchenpflege

 

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