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Glaubenssache - Wenn Wohnen zum Risiko wird

Glaubenssache - Wenn Wohnen zum Risiko wird
Datum
08.01.2026

Die Wohnungsnot ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen – doch sie trifft nicht alle gleich. Der aktuelle Kennzahlenbericht «Sozialhilfe in Schweizer Städten 2024» zeigt deutlich: Menschen mit geringem Einkommen geraten schneller unter Druck, wenn der Wohnraum knapp wird. In mehreren Schweizer Städten geben armutsbetroffene Haushalte überdurchschnittlich hohe Anteile ihres Budgets für die Miete aus, während die Suchzeiten weiter steigen. Besonders betroffen sind laut Bericht Alleinerziehende, Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen sowie Haushalte mit Sozialhilfebezug. Für sie gehört die Angst vor einem Wohnungsverlust inzwischen zu den häufigsten Belastungen.

In der Beratung erleben wir, was diese Zahlen bedeuten. Vor Kurzem begleitete ich einen Klienten zur Wohnungsübergabe. Die Wohnung hatte mehrere offensichtliche Mängel – beschädigte Wände, defekte Installationen, Spuren von Feuchtigkeit. Trotzdem stand die Frage im Raum: Was darf man überhaupt beanstanden, ohne das Risiko einzugehen, die Wohnung im schlimmsten Fall gar nicht zu bekommen? Wer monatelang gesucht hat, nimmt vieles hin. Laut Kennzahlenbericht hat sich die Situation zugespitzt: Der Druck auf Betroffene steigt nicht nur finanziell, sondern auch strukturell. Manche Vermietende nutzen die Knappheit aus, um höhere Mieten durchzusetzen oder Mängel liegenzulassen – im Wissen, dass viele keine Alternative haben.

Wohnen ist weit mehr als ein Dach über dem Kopf. Eine Adresse bedeutet Zugang zu Arbeit, zu medizinischer Versorgung und zu gesellschaftlicher Teilhabe. Wer ständig um den Verbleib in den eigenen vier Wänden kämpft, verliert Energie, Planungsspielraum und oft auch Gesundheit. In Städten mit angespannten Wohnungsmärkten bleibt gemäss Kennzahlenbericht nach Abzug der Miete so wenig zum Leben, dass selbst kleine Ausgaben – eine kleine Reparatur, das Schulmaterial der Kinder, ein Zugticket – zur Krise werden können.

Die Sozialberatung der katholischen Kirche Winterthur begegnet diesen Herausforderungen täglich. Wir begleitet Menschen in solchen Situationen – kostenlos und konfessionsunabhängig. Wir unterstützen bei der Wohnungssuche, bieten Beratung in finanziellen Belastungslagen, vermitteln zu Fachstellen und schaffen einen Ort, an dem Sorgen ausgesprochen werden dürfen. Lösungen entstehen nicht immer sofort, aber niemand muss diesen Weg allein gehen.

Vielleicht ist das die eigentliche Glaubenssache: dass Würde dort beginnt, wo Sicherheit möglich wird – und wo eine Stadt ihre verletzlichsten Bewohnerinnen und Bewohner nicht aus dem Blick verliert.

Jonathan Huber, Sozialarbeiter Pfarrei St. Marien