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Glaubenssache - Parrhesia: "Wider das grosse Man"

Glaubenssache - Parrhesia: "Wider das grosse Man"
Datum
07.05.2026

Parrhesia: Wider das grosse »Man«

»Πολλῇ παρρησίᾳ χρώμεθα« – »Mit Freimut treten wir auf« (2 Kor 3,12). Als Paulus dies schrieb, klang in diesem Wort noch die athenische Volksversammlung nach. Dort galt Parrhesia als Recht des freien Bürgers alles sagen zu dürfen. Wer aufstand, riskierte freilich mehr als Widerspruch. Sokrates trank den Schierlingsbecher, weil er die bequemen Meinungen seiner Mitbürger nicht teilte.

Paulus gründet Freimut nicht im Bürgerrecht, sondern »in Christo«. Er redet offen, weil er sich von keinem irdischen Gericht das Wort verbieten lässt – weder vom Synedrion noch vom römischen Statthalter. Doch dieser Freimut ist gebunden an die Wahrheit, die ihn ergriffen hat. Der Glaubensakt ist ein individueller Akt, ein inneres Ereignis – jenes »Sterben in Christus«, das den alten Menschen mit seinen Begierden zurücklässt und eine »neue Kreatur« hervorbringt.

Was aber ist aus dieser Parrhesia geworden? Wir leben in einer Zeit, die sich ihre Meinungsfreiheit auf die Fahnen schreibt und doch einer schleichenden Zensur erliegt. Nicht nur der Zensor mit dem Rotstift ist die Gefahr – sondern auch das, was Martin Heidegger das »Man« nannte: jene anonyme Instanz, die vorschreibt, was man denkt, was man sagt, was man besser verschweigt.

Meinungen der anderen werden nicht mehr im offenen Disput widerlegt, sondern durch Schweigen geächtet oder durch Häme erstickt. Wer eine unliebsame Meinung äussert, riskiert keine Asebie-Klage mehr, aber die soziale Ächtung durch das grosse »Man« in der Welt und in uns.

Paulinische Parrhesia meint das Gegenteil: die Freiheit, das auszusprechen, was dem »Man« widerspricht – aus Treue zur erkannten Wahrheit. Sie ist die Weigerung, das eigene Denken dem medialen Gleichklang zu opfern. Christliche Existenz hiesse dann: den Mund auftun, wo das »Man« schweigt, und schweigen, wo das »Man« plappert.

Parrhesia ist ein Beitrag, um in einer suchenden Gemeinschaft der Wahrheit näherzukommen, ohne den Andersdenkenden zu schmähen oder gar niederzubrüllen. Sie gründet in der Hochachtung des Anderen mit seinen eigenen, anderslautenden Meinungen – als Ebenbild Gottes und Bruder in Christus. In Christus entspringt mithin die höchste Form der Freundschaft, die Aristoteles in seiner Ethik beschreibt: die Freundschaft aus der tiefen Sehnsucht nach gemeinsamem Bemühen um Einsicht. Im Geiste Christi zu leben heisst daher, aus tiefster inneren Berufung der gemeinsamen, offenen Wahrheitssuche mit aller Entschlossenheit verpflichtet zu sein.

 

Paul Widmer, Mitglied der Kirchenpflege der römisch-katholische Kirchgemeinde Winterthur