Selig sind, die Frieden stiften
In der Schilderung der internationalen Politik tobt mehr und mehr eine mediale Schlammschlacht zwischen Gut und Böse. Wer einmal als böse
markiert ist, verliert die Existenzberechtigung, das Gespräch bricht ab. Ein verwegenes und letztendlich stets verhängnisvolles Verständnis der
Politik beispielsweise beim nationalsozialistischen Juristen Carl Schmitt erblickt das Wesen auch der Innenpolitik in der unversöhnlichen Frontstellung
zwischen Freund und Feind. Besonders brisant wird es, wenn schillernde Begriffe wie «hybride Kriegsführung » aus ihrem völkerrechtlichen Kontext
gerissen und auf den innenpolitischen Dissidenten angewandt werden. Der Kritiker mutiert, so ermahnt der Philosoph Giorgio Agamben, zum systemischen Feind, der Ausnahmezustand wird schleichend zur Norm, und die verfassungsmässige Diskursfreiheit gerät unter schleichenden Entmündigungsdruck. Doch es gibt eine Rettungsleine und sie ist uralt. Die Parabel vom verlorenen Sohn lehrt die hohe Kunst der Unterscheidung:
Der Vater verwirft die sündvolle Tat des Jüngeren scharf, aber niemals die Person. Während der ältere Bruder in seinem Stolz auf moralischem Ausschluss beharrt, hält der Vater die Arme der Versöhnung offen. Erstaunlich, dass sich hier Theologie und moderne Vernunftphilosophie
die Hand reichen. Jürgen Habermas fordert eine herrschaftsfreie Kommunikation ohne Zwang und Zensur. Diese prozedurale Symmetrie
ist auch ein wesentlicher Kern christlicher Sozialethik. Sie verpflichtet den Staat zur Mässigung und verbietet ihm die totale Exklusion von
Menschen. Der Heilige Stuhl hat diese Methode über Jahrhunderte als Friedensvermittler perfektioniert: Er verzichtet auf die öffentliche Moralkeule,
um die Kanäle zu allen Konfliktparteien offen zu halten. Zu Recht betont Thomas von Aquin, dass die Kardinaltugend der Gerechtigkeit nie
losgelöst werden kann von der Königstugend der Klugheit (prudentia), die man mit Max Weber auch Verantwortungsethik nennen darf.
Wo Kommunikationswege abbrechen, schwinden auch die Möglichkeiten zur Verständigung. Aus christlicher Perspektive verdient die
schweizerische Neutralität deshalb eine erneute Würdigung als ethisch wertvolle Haltung. Sie bietet einen verlässlichen Rahmen, der Dialog ermöglicht,
Vertrauen fördert und so einen Beitrag zur internationalen Verständigung und zum Frieden leisten kann.
Paul Widmer, Mitglied der Katholischen Kirchenpflege in Winterthur