Direkt zum Inhalt

Kolumne Glaubenssache - Säen ohne Garantie

Kolumne Glaubenssache - Säen ohne Garantie
Datum
03.09.2026

Säen ohne Garantie

Welche Rolle soll die Kirche heute in Welt und Politik spielen? Die Frage ist so alt wie die Kirche selbst – und die Antworten reichten von der Staatskirche bis zum Rückzug ins Private. Ein Blick in die Bibel hilft weiter.

Wer Matthäus 13 liest, begegnet keinem Jesus der Paläste und Parlamente. Er spricht vom Sämann, von Feldern und Samenkörnern, von Unkraut und Ernte – lauter Bilder aus dem Alltag seiner Zuhörerinnen und Zuhörer. Jesus war nahe am Leben: dort, wo Menschen arbeiten, hoffen und scheitern. Wenn die Kirche sich an ihm orientiert, beginnt ihre Rolle nicht in den Machtzentren, sondern im gelebten Alltag.

Das Gleichnis vom Sämann sagt zudem etwas Entlastendes: Der Sämann streut grosszügig, auf guten Boden wie auf felsigen. Ob etwas aufgeht, liegt nicht allein in seiner Hand. Übertragen heisst das: Die Kirche darf ihre Überzeugungen in die öffentliche Debatte einbringen, ohne den Ertrag kontrollieren zu müssen – und ohne ihn erzwingen zu dürfen.

In unserer pluralen Gesellschaft ist die Kirche eine Stimme unter vielen. Das ist kein Bedeutungsverlust, sondern eine Klärung. Die Kirche steht heute neben Wissenschaft, Verbänden, Parteien und anderen Religionsgemeinschaften – gleichberechtigt, nicht privilegiert. Ihre Autorität ist nicht mehr institutionell, sondern argumentativ: Sie überzeugt dort, wo sie glaubwürdig für Menschenwürde, Gerechtigkeit und die Schwachen eintritt. Wo sie sich parteipolitisch vereinnahmen lässt, verliert sie beides – Glaubwürdigkeit und Freiheit.

Und doch bringt die Kirche etwas mit, das der Staat nicht ohne Weiteres herstellen kann: Gemeinschaft. Das Diktum des Staatsrechtlers Ernst-Wolfgang Böckenförde gilt bis heute: Der freiheitliche Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Kirchgemeinden sind Orte, an denen Menschen über Milieugrenzen hinweg zusammenkommen, Verantwortung üben, Trost finden. Solche Gemeinschaften sind Nährboden der Demokratie.

Die Kirche muss die Welt nicht regieren. Es genügt, wenn sie sät – nahe am Leben, mit offener Hand, geduldig. Was aufgeht, ist nicht ihre Sache allein.

 

Dr. Markus Winkler, Präsident der Katholischen Kirchenpflege